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Friday, January 13, 2006

Essay 2

Ritual und Gabe

Die Entstehung und Entwicklung der frankophonen Sozialanthropologie hat ihre Wurzeln in der Tradition der Philosophie des französischen Sprachraums. Jean-Jacques Rousseau, einer der größten französischen Denker, hat als einer der ersten die Frage gestellt, wie sich gemeinschaftliches Zusammenleben begründet bzw. worauf der gesellschaftliche Zusammenhalt im Bezug auf die bürgerliche Gesellschaft beruht. Seine Antwort war - der Gesellschaftsvertrag. Mehr als hundert Jahre später ist diese Frage immer noch aktuell und wurde von einem der bedeutendsten Soziologen aller Zeit wieder aufgegriffen. Emile Durkheim fokussierte seinen Blick aber nicht nur auf die moderne Industriegesellschaft, sondern er betrachtete die ganze Menschheit und stellte auf diese Art und Weise den Grundstein einer neuen komparativen Sozialwissenschaft, deren Ziel es war und ist die Vielfältigkeit von menschlichen Gesellschaften zu erkennen, diese zu vergleichen, um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu erkennen. Er stellte fest, dass es zwei universale Grundprinzipien gibt, auf die die soziale Ordnung aufgebaut wird: für die Industriegesellschaft ist das die organische Solidarität, für die Nichtindustrialisierten ist das Prinzip der mechanischen Solidarität. Mit dieser Aussage wurde die Frage noch nicht beantwortet, es wurde aber eine große Diskussion eröffnet, die lange Zeit eine der Kerndebatten der Sozialanthropologie war. Der erste Nachfolger von Durkheim sein Schüler und Neffe Marcel Mauss hat seine Ideen weiterentwickelt und seinen eigenen authentischen Beitrag zur Diskussion geleistet.
Die Arbeit von Marcel Mauss hat einen enormen Beitrag zur Entwicklung der Ethnologie als eigenständige Disziplin geleistet. Das ist der Grund warum er oft als der Vater der französischen Sozialanthropologie bezeichnet wird. Obwohl er selbst nie eine echte Feldforschung betrieben hat, hat er durch seinen Werk und seine soziale Aktivitäten den Grundstein für die Entwicklung der neuen Wissenschaft gelegt. „Mauss machte in seinem Zimmer, was ein Anthropologe im Feld tut, er brachte ein geübtes Verständnis mit, um sich dem Leben der primitiven Völker zu nähern, das er gleichzeitig beobachtete und erfuhr. Wir Sozialanthropologen betrachteten ihn deshalb als einen der unsrigen.“1. In der Zeit als sich die Ethnologie als eine empirische Wissenschaft zu etablieren versuchte und die us-amerikanischen und britischen Ethnologen viel Wert in den intensiven Feldforschungen legten, entwickelte Mauss die theoretische Basis der neuen Sozialwissenschaft. Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen sah er seine Aufgabe als Ethnologe vielmehr in der Systematisierung und Analyse von Daten, als in dem Verfassen von umfangreichen Ethnographien. Diese Art von Ethnologie die er betrieb wurde von Werner Petermann „synthesierende Ethnologie“ genannt 2. Ihre Aufgabe ist die von den Feldforschern gesammelten primären Daten zu ordnen, zu vergleichen, zu analysieren und daraus möglichst weitreichende Theorien zu generieren. Obwohl sein intellektuelles Werk von einigen Wissenschaftlern als unsystematisch beurteilt wurde, verfügte Mauss über enormes enzyklopädisches Wissen, Erudition und tiefes Verständnis für den verdeckten Sinn der Dinge 3.
Das bedeutendste Werk von Marcel Mauss ist das erstmals 1925 erschienene Buch „Essais sur le don“. Das ist die erste systematische Abhandlung über die Bedeutung des Gabenaustausches und der formalisierten sozialen Reziprozität 4. In diesem Werk analysiert Mauss zwei der bedeutendsten Ethnographien seiner Zeit: diese von Bronislaw Malinowski über die Trobrianer und jene von Franz Boas über die Kwakuitl. Die beiden Monographien und vor allem „Die Agronauten des westlichen Pazifik“ sind revolutionär für ihre Zeit, da sie den Maßstab legen, wie eine umfassende Ethnographie zu verfassen ist. Mauss konzentrierte sich vor allem auf das soziale Phänomen des Güteraustausches. Das „friedliche“ Kula ist ein Tauschsystem von symbolischen Gaben mit Wettstreitcharakter. Das „agonistische“ Potlach ist ein Geschenksverteilungsfest mit extremem Konkurrenz- und Verdienstcharakter 5. Die beiden Systeme sind so widersprüchlich in ihrem Charakter und ihrer Form, haben aber ein und dieselbe Funktion: sie konstituieren die sozialen Beziehungen, sie dienen dem sozialen Zusammenhalt. Das Grundprinzip besteht im unbewussten Schuldgefühl, die das Geschenk erweckt, in der Verpflichtung sich mit einem Gegengeschenk revanchieren. Die Gabe begründet immer ein Schuldgefühl. Der Beschenkte versucht diesem Schuldgefühl entgegenzuwirken, in dem er eine Gegengabe zurückgibt. So entsteht ein Kreislauf der wechselseitigen Beziehungen in dem jedes Mitglied der Gesellschaft miteinbezogen wird. Die Gabe ist ein „fait social total“, ein totales soziales Phänomen, weil sie imstande ist, alle Mitglieder einer Gesellschaft miteinander in Beziehung zu setzen. Die Gabe stellt die Beziehungen zwischen dem Individuum und der Gesellschaft und zwischen den unterschiedlichen Subgruppen einer Gesellschaft her. In seiner Arbeit begründet Mauss, dass das Grundprinzip der Gabe universal ist und alle anderen sozialen Phänomene auf dem Prinzip der sozialen Reziprozität beruhen.
Arnold Kurr, der sich später nach seiner Mutter van Gennep nannte, studierte zuerst Arabistik, Ägyptologie und Religionswissenschaften. Aufgrund einer Recherche über Eigentumsmarken begann er sich für ethnologische Themen zu interessieren 7. Später als er als Übersetzer für das Landwirtschaftsministerium arbeitete, lernte er die religionsoziologischen Arbeiten der Durkheimschule kennen und beigeisterte sich sehr für deren Thema. Sein 1909 veröffentlichtes Buch „Les rites de passage“ wurde zuerst in Frankreich nicht sehr positiv rezipiert. Erst 50 Jahre später als das Werk im Englischen übersetzt wurde, wurde es von einigen wichtigen britischen und us-amerikanischen Anthropologen wieder aufgegriffen. Das Buch wurde weltweit bekannt und blieb in der Geschichte als eines der Schlüsselwerke der französischen Anthropologie.
Zwar war Van Gennep kein direkter Nachfolger von Durkheim, war aber stak von seiner Arbeit beeinflusst, stieg er in die von Durkheim eröffnete Diskussion ein und führte sie weiter. Er versuchte keine weiteren Theorien über den Zusammenhalt der Gesellschaft zu verfassen, er fragte nicht weiter nach der Begründung der gesellschaftlichen Ordnung, stattdessen fragte er nach der Dynamik, nach der Veränderung und wie diese mit der Aufrechterhaltung des sozialen Strukturen zu verbinden sind. Das Individuum ist ein stets Veränderungen unterliegender (sowie biologisch als auch mental) Teil des sozialen Systems. Dabei bring es Dynamik in das gesamte System. Arnold van Gennep versuchte zu begreifen wie die menschliche Gemeinschaft mit diesen Veränderungen umgeht um dabei keine Bedrohung für Aufrechterhaltung der Sozialstruktur entstehen zu lassen. Er versucht zu erklären wie die Dialektik von Statik und Dynamik sich in eine Symbiose umwandelt und wie diese Koexistenz in der sozialen Ordnung integriert ist. Diese Veränderungen oder Übergänge von einem Zustand zu einem anderen (Bsp Kind- Erwachsener), von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe zu einer anderen Gruppe, wurden durch den Ritus konstituier und in das soziale Leben integriert. Der Übergansritus trägt Sorge dafür, dass der Wechsel im Sinne von Gesellschaft möglichst reibungslos funktioniert 8. Der Übergangsritus besteht aus drei Phasen:
1. Separation: Trennung des Individuums von früherer Stellung/ von dem bisherigen Status. Er wird körperlich oder symbolisch von der ursprünglichen Position getrennt.
2. Liminality: Übergangsstadium, Ausnahmezustand. Schwierige und gefährliche Position. Dient dazu, sich vom alten Status zu reinigen und sich bereit für den neuen zu machen.
3. Reintegration: Wiederaufnahme in Gesellschaft mit neuer Position
Der Einfluss von Durkheim auf die Arbeit von Van Gennep lässt sich in der Betonung des sozialen Charakters der Riten erkennen. Riten sind für ihn „faits collectifs vivants, „lebendige kollektive Tatsachen“, sie sind an einem bestimmten Sinnzusammenhang geknüpft. Die Tatsache warum dieses dreiteilige Modell so beliebt und bekannt geworden ist, ist seine Universalanwendbarkeit. Anfang des 20. Jahrhunderts hat der Missionar und Forscher Henri-Alexander Junod das von Van Gennep entwickelte Modell auf die „mysteriösen“ Sitten der südostafrikanischen Thonga erfolgreich angewendet. Dieser Erfolg hat dazu beigetragen, dass 1912 Van Gennep den neu eingerichteten Stuhl für Ethnologie und vergleichende Geschichte in Neuchatel in der Schweiz erhielte 9.
4. Schlussfolgerung
Einer der größten Fragen der Geistes- und Sozialwissenschaften, die ihren Ursprung in der philosophischen Tradition hat, die durch die Soziologie tief in den Grundfragestellungen der Ethnologie verankert worden ist, die seine Aktualität durch die Jahrhunderte nicht verloren hat, wird nie ganz beantwortet werden. Die Frage warum und wie gesellschaftliche Formationen existieren, wie die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Strukturen gesichert wird, wie das soziale Band konstituiert wird, lassen den großen Denkern des 20. Jahrhunderts keine Ruhe. Einer davon ist Claude Levi-Strauss. Ohne Zweifel ist er überhaupt der bedeutendste und populärste Anthropologe seiner Zeit. Er hat einen enormen Beitrag zur Mythen- und Verwandtschaftsanalyse geleistet. Was aber in diesem Kontext wichtiger ist, ist die Bedeutung seiner Theorien als kontinuierlichen Teil der frankophonen Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Tradition, in dessen große Debatte er seine authentische Stimme einfließen lässt. Damit ist sein Beitrag zur der Entwicklung der französischen Sozialanthropologie, sowie das Gewicht seiner Allianztheorie im internationalen sozialwissenschaftlichen Kontext, enorm.

1 Evans-Pritchard zitiert nach Petermann, Werner 2004, Die Geschichte der Ethnologie, Wuppertal, Peter Hammer Verlag, Seite 819
2 Petermann, Werner 2004, Die Geschichte der Ethnologie, Wuppertal, Peter Hammer Verlag, Seite 815
3 Parkin, Robert 2005, One Diszipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropologie, Chicago, The University of Chicago Press, Seite187
4 Petermann, Werner 2004, Die Geschichte der Ethnologie, Wuppertal, Peter Hammer Verlag, Seite 817
5 Petermann, Werner 2004, Die Geschichte der Ethnologie, Wuppertal, Peter Hammer Verlag, Seite 817
6 Petermann, Werner 2004, Die Geschichte der Ethnologie, Wuppertal, Peter Hammer Verlag, Seite 817
7 Petermann, Werner 2004, Die Geschichte der Ethnologie, Wuppertal, Peter Hammer Verlag, Seite 820
8 Petermann, Werner 2004, Die Geschichte der Ethnologie, Wuppertal, Peter Hammer Verlag, Seite 821
9 Petermann, Werner 2004, Die Geschichte der Ethnologie, Wuppertal, Peter Hammer Verlag, Seite 821

Folien

Produktiosweise

=

Produktionsverhältnisse + Produktivkräfte

alle Mittel, die eine Gesellschaft zur Produktion einsetzt:

1. sachliche Mittel (natürliche Umweltbedingungen, Technik und Wissenschaft)

2. menschliche Ressourcen (Arbeitskraft, Produktionswissen, Gesundheitszustand der Arbeiter)

· Art und Weise der sozialen Organisation des gesellschaftlichen Produktionsprozesses und der gesellschaftlichen Tauschbeziehung

· Art und Weise der Kooperation

· Arbeitsteilung

· Verteilung von Produktionsmittel und Konsumgüter

Mehrwertproduktion:

C + V + M = Wert einer Ware

Mehrwert

C = vorgeschossenes ("Constantes") Kapital: Maschinen, Bauten, Material

V = Lohn ("Variables Kapital") Historisch-gesellschaftliche Reproduktionskosten der Arbeitskraft

M = Mehrwert (Ergebnis der unbezahlten Mehrarbeit)

Marxismus

1. Karl Heinrich Marx

2. Wichtige Werke

  • Das Kommunistische Manifest. Zusammen mit Friedrich Engels, anonym erschienen, Bildungs-Gesellschaft für Arbeiter, London Februar 1848
  • Das Kapital . Kritik der politischen Ökonomie.

Band 1: Der Produktionsprozess des Kapitals. Meissner, Hamburg 1867

Band 2: Der Zirkulationsprozess des Kapitals. Herausgegeben von Friedrich Engels, Meissner, Hamburg 1885

Band 3: Der Gesamtprozess der kapitalistischen Produktion. Herausgegeben von Friedrich Engels, Hamburg 1894

3. Schlüsselbegriffe

  • Produktionsweise (Mode of production)/ Zitat: „an articulated combination of relations and forces of production structured by the dominance of the relation of production“ (Barry Hindess und Paul Hirst)
  • Basis und Überbau (Base and Suprestructure)
  • Mehrwert (Surplus)

Neomarxisten

(französische Strömung)

1. Maurice Godelier

· Ansatz: Macht- und Ausbeutungsstrukturen basieren auf die symbolische Vorstellungen.

· Wichtige Werke: La production des Grands Hommes. Pouvoir et domination masculine chez les Baruya de Nouvelle Guinée. Ed. Fayard (1982). Prix de l'Académie française.

  • Feldforschung bei den Baruya in Melanesien

2. Claude Meillassoux

· Ansatz: die ökonomische Basis (Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse konstituierte sich) aufgrund der Verwandtschaftsstrukturen

· Wichtige Werke: 1975 Femmes, greniers et capitaux. Paris. (dt. 1976 'Die wilden Früchte der Frau.' Über häusliche Produktion und kapitalistische Wirtschaft. Frankfurt am Main 1976.)

· Feldforschung: bei den Gouro, in Westafrika an der Elfenbeinküste

Neomarxisten

(amerikanische Strömung)

  1. Erik Wolf
    • Ansatz:
    • Wichtiges Werk: Europe and The People Without History.” Los Angeles: University of California Press, 1982
    • Forschung: Peasant Studies
  1. Sidney Mintz

Sunday, November 13, 2005

Refarat über Marx und die Neomarxisten

Thursday, October 27, 2005

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